Miscellanea 1/2005
"Arme Hannah" oder
Die Karriere eines Unzitats
Johannes Rau liebt den Satz: "Politik ist angewandte Liebe zur Welt“, und er schreibt ihn Hannah Arendt zu, die ihn so aber nie zu äußern gedachte. Während der fünften „Hannah-Arendt-Tage“in Hannover 2002 sagte der damalige Bundespräsident:
„Einen Satz von Hannah Arendt, der mir besonders wichtig ist und mich schon lange Zeit begleitet, möchte ich ganz an den Anfang meiner Überlegungen stellen: ‚Politik ist angewandte Liebe zur Welt’.“ (Presse- und Informationsamt der Bundesregierung "REGIERUNGonline" - Wissen aus ersten Hand Bulletin. Veröffentlicht am: 13.11.2002)
Rau verwendete diesen Satz immer wieder, so 1999 bei seiner Antrittsrede bei der gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat am 1. Juli 1999 in Bonn:
"In der Politik geht es nicht um letzte Wahrheiten, sondern um richtige Lösungen. Der politische Streit sollte jeweils um die Frage gehen, welcher Vorschlag der beste ist im Interesse aller oder im Interesse der vielen. Nur dann kann etwas von dem aufscheinen, was Hannah Arendt in die Worte gefasst hat: "Politik ist angewandte Liebe zur Welt." (http://www2.hu-berlin.de/francopolis/Sim.IV99/Antrittsrede.htm)
Auch schon 1993 liebte er, diesen Satz zu zitieren, wie der Journalist Ulrich Rosenbaum in seinem 1993 bei Ullstein erschienenen und vergriffenen Buch “Rudolf Scharping“ ausführte. In einer Passage über den Essener Sonderparteitag am 25. Juni 1993 schreibt er:
"Hertha Däubler-Gmelin und Johannes Rau sprechen zuerst. Rau, der Interimsvorsitzende seit dem Rücktritt von Engholm, mahnt an, daß die SPD "Schutzmacht der kleinen Leute" bleiben müsse. , sagt er, Und er zitiert Hannah Arendt: Sicher eine Idealvorstellung, das Sonntagsbild von einem Politiker, aber auch bewußt als Meßlatte für den künftigen Parteichef gesetzt.
Scharping sitzt auf dem Podium an seinem Platz in der zweiten Reihe, hört zu, arbeitet aber immer wieder an seinem Redemanuskript." (www.ulrichrosenbaum.de/Scharping/F.html)
In der SPD kursiert inzwischen dieser Satz, so auf der Homepage der SPD-Frau Brigitte Hackl aus Köln-Delbrück:
'Der Reiz der Kommunalpolitik liegt für mich darin, Lösungen für Probleme zu suchen, die uns allen täglich begegnen. Die Soziologin Hannah Arendt hat einmal geschrieben: „Politik ist angewandte Liebe zur Welt.“
Ich finde: Für Kommunalpolitik trifft dies in besonderem Maße zu. Denn hier geht es um das, was in unserer unmittelbaren Nachbarschaft passiert." (www.treffpunkt-meilen.de/spdbv.html)
Inzwischen erfuhr dieser Satz eine ungeahnte christdemokratische Überhöhung am Tatort Erfurt, als ein Schüler Lehrer, Mitschüler und anschließend sich selber erschossen hatte. Die Mainzer Bistumsnachrichten berichteten von der Rede des Ministerpräsidenten Vogel:
"Das Verbrechen von Erfurt und die Reaktionen darauf haben auch gezeigt, . Nach christlichem Glauben sei der Mensch von Gott als sein Ebenbild geschaffen und mit einer einmaligen und unveräußerlichen Würde ausgestattet. Dies habe auch Konsequenzen für die Politik, betonte Vogel. Er zitierte ein Wort von Hannah Arendt: "Politik ist angewandte Nächstenliebe." (Mainzer Bistumsnachrichten Nr. 16, 15. Mai 2002, www.kath.de/bistum/mainz/mbn/2002/mz020515.htm)
Und in seiner Dankrede bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Catholic University of America erklärte er am 13.11.2002: „Here in the United States and in Germany we have politicians who align their actions with their Christian belief and Christian value system, or at least make the effort to do so. Hardly anyone has better identified the guideline for political action in service of the people and future generations than Hannah Arendt: "Politics is applied Love of Thy Neighbor!" Her statement is provocative but to the point.“ (www.thueringen.de/)
Dass sich dieses angebliche Zitat als so "griffig" erwiesen hat, sowohl für politische Feiertagsreden als auch für Krisensituationen, liegt in seiner jede Genauigkeit und Differenzierung negierenden Vereinheitlichung. Und es ist daher auch nicht verwunderlich, dass die Jüdin und Liebhaberin der klassischen griechischen Philosophie sich unversehens als Vertreterin der christlichen Nächstenliebe wiederfindet. Tatsächlich hat sich Hannah Arendt vehement gegen die Nächstenliebe als politische Kategorie gewehrt. Liebe "verbrennt" den Raum des Zwischen den Menschen, der trennt und verbindet und der gerade wegen dieser paradoxen Struktur der pluralen Verfasstheit der Menschen angemessen ist. Wenn sie dennoch ein von ihr geplantes und nicht realisiertes Buch über die politischen Theorien "Amor mundi" nennen wollte, so ist das im Sinne der antiken politischen Tradition gemeint, deren "Sinn" sie in der "Freiheit des Miteinanderredens" sah, wohingegen das Private als "idiotisch" erschien, weil ihm diese Vielfalt versagt war.
Wolfgang Heuer